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Wir wollen Menschen erreichen! – Kurze Gedanken zur kirchlichen Zieldefinition

Posted in Perspektiven

Neulich, bei einer Veranstaltung im Pastoralen Raum, hielt ich einen Vortrag über die Sozialräume in den Pfarreien, über die zahlreichen Katholiken und die noch zahlreicheren Nicht-Katholiken, die Kirche mit ihren Angeboten nicht (mehr) erreicht. Und über die Unterschiedlichkeit der Menschen, die es schwer mache, mit dem gleichen Angebot alle zu erreichen. Hinterher diskutierten die Teilnehmenden darüber, wie sie (mehr) Menschen besser erreichen könnten.

In dieser Diskussion wurden zwei unterschiedliche Ansätze deutlich, wie mit dieser Frage umzugehen sei. Beide Ansätze wollen Menschen erreichen, aber die Zielrichtungen waren sehr unterschiedlich. „Und da ist sie wieder“, dachte ich mir. Die Frage, wozu und wofür Kirche eigentlich da ist. Hier also eine Ergänzung zu einem älteren Blogpost, da diese Frage weit über diesen Sozialraumtag hinaus Relevanz für die gesamte kirchliche Verkündigung hat.

Schauen wir uns die zwei Positionen genauer an. Würde man O-Töne aus der Diskussion einfangen, so klänge die eine Position so:

Position eins: Besser werden

„Wir sollten unsere Angebote besser (lebendiger, jugendgemäßer, frischer, attraktiver, …) machen, damit mehr Menschen sich wohl fühlen, wieder kommen, angesprochen werden. Wir sollten andere Formate rund um die Kasualien entwickeln, denn da kommen wir an die Leute noch ran (haben Zugriff, können Jugendliche abschöpfen, …). Als Kirche haben wir ja gute Angebote. Wir müssen sie nur besser bekannt machen (eine bessere Webseite haben, bessere Öffentlichkeitsarbeit machen, mehr in der Zeitung stehen, …). Jugendarbeit ist ganz wichtig, denn die Jugend ist die Zukunft unserer Kirche: wir müssen attraktive Angebote für Jugendliche machen, damit sie sich bei uns wohlfühlen.“

Die Stoßrichtung dieser Gedanken ist die eigene Kirchlichkeit, also die eigene Organisation: es geht um die eigenen Angebote, die eigenen Überzeugungen. Es geht darum, Menschen zu erreichen, die zu uns und unseren Angeboten kommen sollen.

Position zwei: Anders werden

Die andere Position klingt ungefähr so: „Wir wollen den Auftrag Jesu leben, also für die Menschen um ihrer selbst willen da sein, ihnen in ihre Lebenssituation die frohe Botschaft bringen. Und dabei zählt jeder einzelne Mensch, ohne dass sich daraus etwas für die Kirche/Organisation ergeben muss.“ Konkret würde sich das in unterschiedlichen Angeboten zeigen, für die es Bedarf von den Menschen gibt.

Hier wird ein großer Unterschied in den Positionen deutlich. Aus der ersten Position höre ich heraus: „Es soll bitte grundlegend so bleiben, wie es jetzt ist.“ Das Problem dabei ist, dass sich die Welt verändert hat. Wenn Mitglieder in Gremien fordern, dass es wieder regelmäßige wöchentliche Angebote für junge Menschen geben muss, dann frage ich, ob junge Menschen genau das brauchen oder ob es die bekannten Routinen sind?

Differenzen in der dahinterstehenden Haltung

Position eins zielt auf Optimierung des Bestehenden, in Position zwei steckt die Chance  auf einen Paradigmenwechsel, eine neue Art, Kirche zu denken, weil sie vom anderen her lernen möchte. Hierfür benötigt es eine Haltungsänderung. Es gibt einen netten Kurzfilm, der genau diese Haltungsveränderung zeigt.

Konkret bedeutet das: wir gehen in die Sozialräume, wir verlassen unsere Gebäude, wir finden heraus, was die Menschen umtreibt, was ihre Sorgen sind. Und dann sind wir für sie da. Wenn sie Beratung brauchen, organisieren wir Beratung. Wenn sie nicht mehr mobil sind, dann organisieren wir Mobilität. Wenn sie einsam sind, sind wir für sie da oder ermöglichen Gemeinschaft. Und wenn sie nach dem Sinn des Lebens suchen, dann berichten wir von unserer Hoffnung, von dem Gott, der seinen Sohn zu den Menschen geschickt hat. Und wir teilen auch die schönen Seiten miteinander: wir tanzen und feiern mit ihnen, wir essen und trinken mit ihnen, wir teilen das Leben miteinander. Weil wir Kirche vor Ort sind. Im Beratersprech würden wir sagen: wir erhöhen die System-Umwelt-Kopplung, denn diese Verbindung zwischen Kirche und den „normalen Menschen“ ist oft nicht mehr so optimal.

Aber wäre es nicht schön …

Häufig höre ich, dass es ja sein könne, dass diese Menschen dann „als Nebeneffekt“ in die Gottesdienste etc. kämen. Das mag sein. Und das wäre dann auch schön. Aber die meisten Vertreter*innen von Position eins betonen (auf Nachfrage), dass sie niemanden instrumentalisieren möchten. Und das glaube ich ihnen auch, denn ihr Herzenswunsch ist es, diese Menschen mögen aus freien Stücken zu Ihnen kommen.

Doch die dahinter liegende Grundhaltung ist dennoch: die Menschen sollen in die Kirche kommen, damit es hier so weiter geht, wie wir es gewohnt sind. Menschlich ist das sehr verständlich, denn Veränderungen sind mit Unsicherheit verbunden. Aber zukunftsweisend ist es aus meiner Sicht nicht, denn es zielt auf Beibehaltung dessen, was zunehmend ja nicht mehr funktioniert. ((Die Gefahr der Instrumentalisierung liegt zumindest nahe und hier ist Vorsicht geboten: vielleicht braucht es die explizite Loslösung von diesem „Beifang“-Gedanken.))

Der Kulturwandel entsteht im Kopf

Ist diese Darstellung nicht zu sehr Schwarz-Weiß-Denken? Ja, diesen Vorwurf kann der Lesende hier gerne anbringen. Mir geht es in der Zuspitzung darum, die dahinter stehenden Bilder im Kopf, die unausgesprochenen Haltungen zu benennen. Und es gibt nicht nur Position 1 oder Position 2. Das Papier der Deutschen Bischofskonferenz „Gemeinsam Kirche sein“ positioniert sich in diesem Spannungsfeld, wie Michael Bonert an dieser Stelle ausgeführt hat.

Deutlich wird: es braucht eine Haltungsänderung, ja, einen Kulturwandel. Wir müssen unsere Bilder im Kopf von Kirche umsortieren und neu zusammensetzen. Wir müssen hinterfragen, was wirklich zum Auftrag der Kirche gehört.

Jesus sagt von sich, dass er nicht gekommen ist, das Gesetz „aufzuheben“, sondern es zu „erfüllen“ (vgl. Mt 5,17). Und er sagt: „Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben“ (Joh 10,10). Aber was bringt das Gesetz zur Geltung und den Menschen zur Fülle?

Kirche muss nicht um des Anders-Seins-willen anders werden. Aber sie muss es werden, wenn sie besser im Sinne ihres Auftrags werden will.

 

Foto: https://unsplash.com/@teddykelley (Creative Commons Zero)