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Gemeindegründungen als Zeichen der Zeit?!

Posted in Perspektiven

Kirchenentwicklung ist schmerzhaft

Kirche verändert sich. Wir schreiben in diesem Blog viel darüber. Von vielen Engagierten in Kirche wird diese Veränderung mit negativen Beschreibungen belegt: Abstieg, Sterben, Rückgang, Niedergang etc. Gemeint ist damit das Ende der „Selbstverständlichkeit“ von Kirche, die sich vor allem in zwei Symptomen ausdrückt. Beide machen den Veränderungsprozess schmerzlich erfahrbar: Rückgang an Mitgliedern und Teilnehmenden und Verlust an gesellschaftlicher Relevanz und Ansehen. Beide Tendenzen werden nach meiner Einschätzung auch zukünftig noch ausgeprägter werden, weil es eben die Symptome des Übergangs sind: von der Volkskirche – zu der man vorrangig aus Tradition und Konvention gehörte, hin zu einem Entscheidungschristentum – dem man durch persönliche Entscheidung beitritt, weil es eben keinen Automatismus für eine Kirchemitgliedschaft mehr gibt. Und auch keine Bestandsgarantie: die Entscheidung für den Glauben muss wird immer wieder neu getroffen, sozusagen aktualisiert werden. Wir können also von einem Entscheidungschristentum und einem Entschiedenheitschristentum sprechen.

Was müsste also passieren?

Wenn die These stimmt, dass wir die Kirche nicht mit „mehr des Gleichen“ verändern können, braucht es neue Lösungsansätze. „Mehr des Gleichen“ als „Lernen 1. Ordnung“ ist eine Anpassungsänderung (wie Jan-Christoph Horn in diesem Artikel schrieb): eine Optimierung des Bestehenden, ohne grundlegende Parameter zu ändern. Auch dies ist gelegentlich notwendig und hilfreich und zeigt in manchen Fällen positive Auswirkungen für die Nutzer*innen.

Die Kirchen in Deutschland sind aber mittlerweile in einer Situation, in der eine Optimierung nicht mehr ausreicht. Die systemtheoretisch so genannte „System-Umwelt-Koppelung“ ist beobachtbar fragil. Dies zeigt sich in Äußerungen wie „Kontakt zur Zielgruppe verloren“ oder „Nicht mehr die Themen der Zeit im Angebot“ oder „Kirche redet so, dass man sie nicht versteht“ oder „Da wird mir zu viel in mein eigenes Leben hineingeredet“ die man als Praxisbeispiele hierzu, bei aller Komplexität der Theorie, heranziehen kann. Die Fragestellungen sind so grundsätzlich, dass man die Dinge nicht mehr nur verbessern, sondern grundlegende Parameter verändern muss, damit das „System Kirche“ in der Gesellschaft unserer Zeit relevant bleibt. Es geht nicht um das Aufgehen von Kirche in der Gesellschaft, doch ohne Anschluss an diese bleibt Kirche unbeachtet und außen vor. Aber das entspricht nicht ihrem Auftrag. Ziel von Entwicklung ist es somit, dass Kirche mit ihren Angeboten (wieder) ein relevantes System für die Umwelt wird.

Ein Beispiel dafür wäre etwa die Leitentscheidung, dass kirchliches Handeln in eigenen Räumen wie Kirchen oder Gemeindezentren stattfindet. Dies ist wahrscheinlich nie so aufgeschrieben worden, aber in der Praxis kommt vor allem die „einladende Kirche“ vor, was eine Optimierung des Bestehenden darstellt. Es stellt aber für viele Menschen eine Hürde dar, zu einer Veranstaltung in eine Kirche zu kommen. „Lernen 2. Ordnung“ wäre eine Reflexion dieser „Raumfrage“ und ein anderer Umgang damit.

Exkurs: Sprachlosigkeit

Ich habe den Eindruck, dass es heute in der Kirche nur noch schlecht gelingt, für das Leben der Menschen Relevanz zu zeigen. Ich frage mich oft, was wir als Kirche im Hier und Jetzt den Menschen anbieten können, das für ihr Leben wirklich bedeutsam ist. Haben wir eine Botschaft und können sie auch sprechbar machen? Und da sind wir (und hier meine ich vor allem die Hauptamtlichen) eher sprachlos. Und es kommt noch dicker: meine These ist, dass diese Sprachlosigkeit dadurch entsteht, dass es auch eine Erfahrungslosigkeit gibt, wir also nicht mehr über unsere Glaubenserfahrungen sprechen können, weil wir entweder keine mehr machen oder die Deutungsmöglichkeit von Glaubenserfahrungen auf uns selbst hin nicht mehr zugänglich ist oder gelingt.

Vereinfacht gesagt: wann erleben wir noch Menschen, die authentisch berichten können, was sie mit ihrem Gott erlebt und gerungen haben? Sehen wir uns als haupt- oder ehrenamtlich Engagierte eigentlich noch als Adressat der Botschaft, die wir verkünden? Oder wer hat schon mal einen Hauptamtlichen sagen hören: „Jesus geht zu den Kranken. Also kommt er zu mir, weil ich krank bin – nicht mal eben ein paar Tage Grippe oder so. Manchmal bin ich Krank vor Ungeduld, vor Neid … Und da kommt Jesus und heilt mich. Er weckt Lebensgeister in mir, er legt seinen Geist in mich. Und das sollt ihr auch erfahren dürfen.“ Das klingt doch sehr umgewohnt. Und dennnoch gilt: Ich kann nur das Verkünden, was ich selber glaube und nur das glauben, was ich selber verstanden oder erfahren habe.

Gemeindegründungen als Zeichen der Zeit

In Zeiten des „Niedergangs“ volkskirchlicher Strukturen und Traditionen könnte es eine hilfreiche Lösung sein, neue Gemeindenals Hoffnungsorte zu gründen. Es ist doch faktisch so, dass die aktuell existierenden Gemeinden nicht mehr sonderlich attraktiv sind für diejenigen, die zurzeit nicht Mitglied dieser Gemeinden sind. Viele Gemeinden versuchen mit großer Anstrengung, neue Menschen für ihre Sozialform Gemeinde zu gewinnen, was nur selten gelingt. Daher wäre es doch sinnvoll, neue Gemeinden zu gründen, in denen die System-Umwelt-Kopplung in ihrem jeweiligen Kontext besser gelingt und neue und andere Menschen ansprechen kann.

Wie entlastend, dass wir in Deutschland nicht alles selbst erfinden müssen. Michael Bonert hatte bereits über die FreshX der Kirche von England (hier und hier) geschrieben. Ich konnte im Mai 2018 an einem Vernetzungstreffen von Kirche² teilnehmen, bei der das Pionierprojekt der Protestantischen Kirche in den Niederlande vorgestellt wurde.

Pioniere in den Niederlande

In den Niederlanden sehen sich 25% der Menschen als Christ*innen. Die Protestantische Kirche hat in den letzten 10 Jahren ca. 22% ihrer Mitglieder verloren. Dies führte dazu, dass die Kirchenleitung sich an eine Analyse der Situation machte, die folgende Ergebnisse brachte:

  • Wir haben den Kontakt mit großen Teilen der Gesellschaft verloren: es braucht einen missionalen Aufruf;
  • Wir sind nicht in Kontakt mit aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft: Innovation wird gebraucht und es müssen Dinge anders gemacht werden;
  • Unsere Organisation ist zu schwer: Lasst es uns einfacher machen und zurück zum Evangelium gehen.

Daraus ergab sich 2012 eine strategische Entscheidung, der „Pionierarbeit“ eine Priorität einzuräumen. Diese Entscheidung führte wiederum dazu, dass seit dem Jahr 2012 in den Niederlanden 81 neue Initiativen/Gemeinden gegründet wurden (von denen 10 bereits wieder aufgehört haben). Ungefähr 20 Initiativen starten pro Jahr, eher in größeren oder kleineren Städten, weniger in ländlichen Gebieten.

Erkenntnisse daraus, die für uns relevant sein können

Was können wir als Kirchenentwickler für Deutschland daraus lernen? Ich habe ein paar Schlagworte für mich formuliert:

  • „Zurück zur Basis“ ist hilfreich: Alle Neugründungen in den Niederlanden zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine missionarische Vision haben: Sie „hören auf den Geist und die anderen“, und dies ist Voraussetzung und auch Ressource für die Neugründung. So werden sie unterscheidbar im Konzert anderer Anbieter und besinnen sich auf ihren Kern.
  • Alle Neugründungen sind kontextualisiert, also auf den jeweiligen Ort und die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten. Und die Protestantische Kirche fördert die Neugründungen nur, wenn „alle mitspielen“, also wenn es persönliches Engagement vor Ort gibt und auch die Ortskirche sich finanziell beteiligt. Dies ist besonders wichtig, weil es keine Kirchensteuer in den Niederlanden gibt, so dass sich die Kirchen dort über Spenden und Fundraising selbst finanzieren müssen. Dort wird also nicht etwas für die Menschen gemacht, sondern nur mit ihnen.
  • Ein kleines Budget (im Gegensatz zur Vollfinanzierung) hilft der Kontextualisierung, denn es bringt in die Verantwortlichen in Kontakt mit den Menschen vor Ort. Wenn Menschen dafür gewonnen werden müssen, kirchliche Angebote über Beiträge und Spenden selbst zu finanzieren, dann wächst die Anforderung an Relevanz, denn nur das wird von Menschen auch gefördert.
  • Communitybuilding dauert 10 Jahre: ist ein Marathon und kein Sprint. Diese Erfahrung hilft auch im deutschen Kontext weiter. Wie oft werden innovative Projekte für zwei Jahre bewilligt und dann schon evaluiert. Dies scheint aus den Erfahrungen der Niederlande kein hilfreiches Zeitmuster zu sein.
  • Unterstützungssysteme wie Beratung, (geistliche) Begleitung und Coaching sind enorm wichtig für die Akteure vor Ort und werden von höherer Ebene gestellt und gefördert. Sie fördern die Selbstreflexion und unterstützen damit die Kontextualisierung.
  • Die Anglikanische Kirche in England hat ihren „church planting“-Prozess (ich finde das ein so schönes Wort) erst in der Theologie durchdrungen und dann die Praxis ausprobiert. In den Niederlanden ging es anders herum: Erst hat man eine Theopraxis geschaffen und dann im Nachgang die Theologie bearbeitet. Interessant, dass beide Wege funktionieren.

Herausforderungen

Es gibt in diesem ganzen Prozess auch wichtige Herausforderungen, die geklärt und bearbeitet werden müssen. Diese seien hier nur ansatzweise genannt:

  • Welche Rolle spielt die Kirchenmitgliedschaft in diesen neuen Gemeinden, weil sie sich ja vorrangig an nichtkirchliche Menschen richtet? Aus der Beteiligung und dem Mitwirkenden von Nicht-Mitglieder ergibt sich die Frage, wofür kirchliches Geld ausgegeben werden soll. Diese Frage muss irgendwo entschieden werden (und wird ja auch in Deutschland aktuell breit diskutiert, wie der Essay von Erik Flügge zeigt).
  • Welche informellen Wege sind für eine Beteiligung möglich, wie beispielsweise Kommunikation über WhatsApp? Wie flexibel sind wir als Kirche da mit den neuen Datenschutzgesetzen?
  • Die katholische Kirche in Deutschland lebt ein Territorialprinzip. Eine Gemeindeneugründung müsste also einer Pfarrei zugeordnet werden. Wie kann diese Anbindung geschehen und wo entstehen daraus auch Gefahren für das Neue durch Abwertung oder Vereinnahmung?
  • Wie gelingt die notwendige neue Rollenfindung bei Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, wenn Ehrenamtliche immer mehr Verantwortung übernehmen und Hauptamtliche immer mehr zu Ermöglicher*innen werden (sollen)? Und dazu passt die Frage, welche theologische Fortbildung es für die mitarbeitenden Laien braucht?

Mir persönlich imponiert an diesem Prozess, dass nach einer ehrlichen Analyse eine mutige Richtungsentscheidung getroffen wurde, um die kirchliche Praxis grundlegend zu verändern und zu erweitern. Beide Faktoren können ermutigend und beispielhaft vor allem für die katholische Kirche in Deutschland sein, denn Gemeindeneugründungen sind hier die Ausnahme.

Zum Weiterlesen

Vielen Dank an Martijn Vellekoop, den Koordinator des Pionierprogramms, für die Anregungen. Er hat kirchenentwicklung.de auch zwei Broschüren in deutscher Sprache zur Verfügung gestellt, die wir hier gerne zum Download zur Verfügung stellen:

 

1 Der Gemeindebegriff wird in Deutschland sehr kontrovers diskutiert. Im Erzbistum Hamburg zeichnet sich eine Gemeinde u.a. dadurch aus, dass sie sich regelmäßig zur Eucharistie versammelt. Im Bistum Münster liegt der Schwerpunkt der Definition auf der Christusmitte und dem Sendungsimpuls, in anderen Diözesen werden andere Schwerpunkte gesetzt. Ich möchte diese pastoraltheologische Diskussion an dieser Stelle nicht führen, weise aber darauf hin, dass dies mit bedacht werden muss.

 

Bild: @lubomirkin auf unsplash