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Klerikalismus? Ein Selbstversuch!

Posted in Perspektiven

Bereits 2014 hat Papst Franziskus Klerikalismus als ein Problem der Kirche beschrieben. Spätestens seit der Veröffentlichung der MHG-Studie wird „Klerikalismus“ als eines der Hauptprobleme innerhalb der katholischen Kirche ausgemacht. Die Autor*innen der Studie benennen „Klerikalismus als eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal“ (MHG-Studie S.13) für sexualisierte Gewalt.

Ich versuche in diesem Beitrag, die Begrifflichkeit etwas klarer zu fassen und berichte dann von meinem Selbstversuch: Was passiert, wenn man einen Aspekt von Klerikalismus im kirchlichen Alltag durch Systemirritation zum Thema macht. Systemische Reflexionen runden den Artikel ab.

Was bedeutet Klerikalismus? Eine Arbeitsdefinition

Die MHG-Studie beschreibt Klerikalismus als „ein hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position inne hat“ (S. 13). Ergänzen möchte ich hier eine weitere Ebene: Auch Nicht-Kleriker können dazu beitragen und fröhlich dem Klerikalismus frönen, indem sie geweihte Menschen auf einen Sockel stellen. Mehr über diese „dialogische Ebene“ aber an späterer Stelle.

Um Klerikalismus genauer analysieren zu können, zerlegen wir für ein besseres Verständnis die drei beschriebenen Ebenen in ihre Einzelteile:

  • Es wird ein Unterschied beschrieben zwischen einem Priester einerseits und einer nicht geweihten Person andererseits.
  • Aus diesem beschriebenen Unterschied wird eine Machtasymmetrie wahrgenommen.
  • Diese Machtstellung auf Seiten des Priesters wird dann dazu genutzt, eine andere Person zu dominieren, also seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Schauen wir uns die drei Aspekte mal genauer an:

Woher kommt der Unterschied zwischen einem Kleriker als geweihten Mann und dem Rest der Menschheit? Häufig wird dabei auf das Zweite Vatikanische Konzil verwiesen. Wir schauen mal nach: In der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums steht: „Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil.“(LG10) In Lumen Gentium wird also ein Wesensunterschied zwischen Priestern beschrieben: Priestern mit Amt und Priestern aus dem Volk. Die einen leiten, die anderen werden geleitet. Aus einer an-sich-Gleichheit wird so ein doch-Unterschied konstruiert. Sehr kompliziert.

Eine Machtstellung ist immer eine soziale Konstruktion: Macht gibt es nicht per se, sondern immer nur dialogisch: Jemand (oder eine Organisation oder eine Gesellschaft) weist einer Person, einer Rolle, einem Amt eine gewisse Macht zu. Und jemand anderes (individuell oder gesellschaftlich) erkennt diese Machtstellung an. In Lumen Gentium wird ein Wesensunterschied beschrieben, der kein Machtunterschied sein soll, sondern ein gemeinsames Miteinander. Das Kirchenrecht übernimmt diese ganzheitliche Sichtweise jedoch nicht, sondern betont immer wieder den (Wesens-)Unterschied zwischen Laien und „geistlichen Hirten“ auch als Machtasymmetrie, in dem bestimmte Tätigkeiten den Priestern mit Amt vorbehalten sind. Verstärkend kommt in diesem Kontext hinzu, dass die Quelle der Macht von Gott abgeleitet wird und somit nur schwer anfragbar erscheint. Bernd Kopp formuliert es so: „Wenn die eigene Erwählung aber als »Ritterschlag Gottes« – in Absetzung zu den übrigen Getauften – missverstanden wird, beginnt klerikale Überheblichkeit.“

Das in Deutschland etablierte Kirchenbild lebt auf einer kulturellen Ebene zudem sehr von einer Institutionengläubigkeit, die auch gegenüber dem Staat und seinen Vertreter*innen sichtbar wird. Das hat wiederum historische Gründe, keine theologischen. Klerikalismus ist also auch ein kulturelles Phänomen.

Das (Aus-)Nutzen der zugestandenen Machtposition ist dann in der Definition der letzte Schritt. Dies kann sich in sehr unterschiedlichen Situationen zeigen: Von möglicherweise gut gemeinten Hinweisen auf „frommes“ Glaubensleben, „gute“ spirituelle Praxis oder „richtige“ Lebensführung bis hin zu sexualisierter Gewalt und Aubeutung, wie es eine ARTE-Dokumentation gezeigt hat. Hans Zollner SJ hat diese Haltung bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie Hamburg so auf den Punkt gebracht: „Klerikalismus ist es, Menschen aufgrund ihres Amtes einen Bonus im Verhalten zuzugestehen.“ Das finde ich eine gelungene Arbeitsdefinition.

Mein Selbstversuch

Als gläubiger Christ und Politikwissenschaftler schaue ich nun auch professionell-analytisch auf diese Institution. Ich arbeite also in einer Kirche, die über einen lehramtlich begründeten Wesensunterschied für einen bestimmten Personenkreis in der Praxis eine Machtstellung konstruiert, die ich von Herzen ablehne. Wie kann ich also persönlich dazu beitragen, dass wir zu Beziehungen in Gleichwürdigkeit kommen? Den Begriff der Gleichwürdigkeit hat Jesper Juul geprägt und er passt ziemlich gut zu dem, was ich glaube, vom Evangelium und von Jesu Auftrag verstanden zu haben. Hier setzt mein Selbstversuch an.

Ich habe mich also dazu entschieden, Menschen in meinem beruflichen Kontext nur noch als Menschen anzusprechen (was ich in den meisten meiner anderen Lebensbereichen auch tue). Ich wollte damit ein Zeichen setzen und gleichzeitig für mich herausfinden, was passiert, wenn ich Rollen, Funktionen und Ehrentitel in der Ansprache der Menschen einfach weglasse und sie „nur noch“ mit ihrem Namen anspreche! Hier einige beispielhafte Erfahrungen:

Immer wieder schreibe ich Emails an alle Hauptamtlichen aus einem bestimmten pastoralen Themenfeld. Ich schrieb also „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ und verzichtete auf die sonst eher übliche Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Pfarrer“. Ich bekam einige wenige Rückmeldungen von Priestern, die die Anrede als „unangemessen“ betrachteten. Ich habe nicht nachgefragt, was sie darunter verstehen. Liegt es am „Kollege-sein“ oder am fehlenden Titel? Das werde ich noch untersuchen.

Wenn ich Pfarrer, Pastoren oder Diakone getroffen habe, blieb ich ausschließlich bei der Ansprache mit dem Namen, also Herr xy statt Pfarrer xy. Dies war für mich anfangs ungewohnt, weil ich es mir angewöhnt hatte, den Titel auszusprechen. Irgendwie fühlte sich eine Anrede mit „Hallo Pfarrer xy“ nach höherer Wertschätzung an. Aber niemand der von mir in den letzten Monaten so Angesprochene hat darauf irgendwie reagiert. Ich konnte keine Irritation feststellen. Haben die Pfarrer das nun einfach akustisch nicht mitbekommen? Oder stört es sie gar nicht? Dann wäre meine Irritation durch meinen Klerikalismus geprägt.

Bei Ordensmännern war es ein ähnlich: Die Begrüßung mit „Hallo Herr >Nachname<“ statt „Hallo Pater >Nachname<“ war für mich erstmal ungewohnt, aber ich konnte den „Pater“ in der Anrede gut weglassen. Auch hier habe ich keine einzige Reaktion darauf erhalten. Ich bin mir allerdings auch hier nicht sicher, inwieweit der Unterschied in der Begrüßung sprachlich überhaupt aufgefallen ist.

Bei Ordensfrauen gab es in meinem Erleben nun eine Überraschung: Ich konnte mich nicht dazu überwinden, die übliche Anrede „Schwester >Vorname<“ austauschen. Ich hätte ja dann „Frau >Nachname< sagen müssen und irgendwie hatte ich die Befürchtung, dadurch eine Distanz aufzubauen, die ich nicht aufbauen wollte. In der Reflexion dachte ich, dass in „Schwester“ für mich zwar ein Titel steckt, der aber keine Macht beansprucht. Aus Berichten von Betroffenen sexualisierter Gewalt bspw. in kirchlichen Kinderheimen weiß ich dennoch, dass auch in „einer Ordensfrau eine Machtposition stecken kann“. Ich machte den Gegencheck im Männerkloster. Hier erging es mir ähnlich. „Bruder >Vorname<“ fühlte sich nicht sehr „mächtig“ an, „Pater >Vorname<“ nur ein wenig mehr. Bei „Pater >Nachname<“ hingegen empfand ich ich das „Pater“ eher als (Macht-)Titel. Vor- oder Nachname macht in meiner Wahrnehmung also einen Unterschied. Bruder und Schwester klingt erstmal nach Augenhöhe. In Bischofsbriefen lese ich häufig „Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder“, was mich dann wieder irritiert: Sind wir nun Geschwister? Und was macht dann den Mitbruder nochmal besonderer als nur der Bruder? Gibt es Brüder 1. Klasse und Brüder 2. Klasse? Das ist doch wieder sehr männerbündisch und klerikal. Hier wird das Familienbild zur Worthülse und die Hierarchie zieht durch die Hintertür machtvoll wieder ein.

Ohne es selbst erlebt zu haben, kann ich von der Begegnung eines Kollegen aus einem anderen Bistum berichten. Dieser sprach „seinen“ Generalvikar mit dem Nachnamen an und wurde daraufhin von ihm korrigiert, er möge bitte „Herr Generalvikar“ sagen, denn er sei ja nicht als Privatperson hier.

„Heiter gescheitert“ bin ich in meinem Selbstversuch, als ich „meinem“ Bischof eine Email schrieb. Ich nahm mir fest vor, „Lieber Herr Heße“ zu schreiben, aber es fühlt sich irgendwie seltsam an: Offensiv? Unfreundlich? Unhöflich? Ich habe die Mail dann doch mit „Lieber Herr Erzbischof“ abgeschickt und war sehr unzufrieden mit mir. Erst bei einer nächsten Mail konnte ich den „Erzbischof“ in der Anrede weglassen. Hieran wurde für mich sehr schön das Dialogische von Macht erkennbar, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass „Herr Heße“ gar nichts gegen eine Anrede mit „Herr Heße“ hätte. Ich werde ihn mal fragen.

Systemische Einordnungen

Als kirchlicher Organisationsberater hilft mir der systemische Blick auf die Praxis für ein tieferes Verständnis. Dieser Blickwinkel kann auch dazu beitragen, Klerikalismus nicht zu persönlich zu nehmen, sondern seine Funktion für das „System Kirche“ zu verstehen.

Systeme entstehen ja systemtheoretisch gedacht aus Differenzierungen: Es wird unterschieden in zugehörig/nicht-zugehörig, relevant/nicht-relevant, nützlich/nicht-nützlich. Deswegen ist das mit der hierarchischen Differenzierung verbundene Phänomen des Klerikalismus systemimmanent und dient damit einem systemrelevanten Zweck: Es erzeugt Differenzierung, Stabilisierung und Systemabgrenzung.

Hierarchische Codes in Systemen, also die Machtzuschreibung in ein „oben und unten“, entstehen normalerweise entlang der Maßgabe, wer welchen Beitrag an der Aufrechterhaltung und Reproduktion des Systems hat. Die Kirche „produziert“ Heil, vermittelt und verteilt Gottes Gnade auf dieser Welt. Deswegen sind die Weiheämter, denen die Produktion dessen zugeschrieben wird, innerkirchlich so hoch angesehen. Dies steht aber gleichzeitig auch für eine bestimmte Art von Kirche. Ändert sich aber das Kirchenbild in Richtung einer partizipativen Kirche, die von der Taufberufung und -sendung aller ausgeht, so wird dieser „Code“ unverständlich und unbrauchbar. Insofern könnte man die Debatte über Klerikalismus als Zeichen deuten, dass sich Kirche wandelt und bestimmte Unterscheidungen nun in Frage gestellt werden, weil sie nicht mehr in das Kirchenbild passen. Wenn ich mir die Diskussionen innerhalb der Priesterschaft anhöre, dann gibt es dort eine enorme Verunsicherung bezüglich der eigenen Rolle, bzw. des eigenen Stands
innerhalb der Organisation. Und das berührt viele weitere Aspekte wie Pfarreileitung, Rolle im Bußsakrament etc. Hier ist gerade einiges im Umbruch. Nach außen ist diese Hierarchie kaum noch vermittelbar. Viele Menschen wünschen sich eine Kirche ohne Klerikalismus und ohne Machtmissbrauch.

Unterschiede, auch zwischen Menschen und ihren Rollen im System, wird es in der Kirche immer geben, weil diese Unterschiede systemisch betrachtet konstitutiv und damit nicht aufhebbar sind – das gilt für jedes System. Wenn es beispielsweise Änderungen bei den Weiheämtern gäbe und eine Weihe würde keinen Unterschied mehr machen, dann wäre sie systemisch betrachtet überflüssig. Aber: Man kann der Machtasymmetrie, die durch Unterscheidungen entstehen kann, begegnen und dafür sensibel sein. Es geht folglich nicht um das Entfernen von Differenzen, sondern um den verantwortungsvollen Umgang damit.

Wie geht es weiter?

Ich habe versucht, mit diesem Selbstversuch meinem eigenen Klerikalismus ein wenig auf die Schliche zu kommen. Als Quereinsteiger in Kirche proklamiere ich für mich selbst immer einen großen Freiheitsgrad in dieser Organisation. Gleichzeitig fühle ich mich auch (immer wieder) als Außenseiter, denn ich habe keine pastorale oder theologische Ausbildung. Deutlich wird dies bspw. an meiner Gruppenbezeichnung: Ich bin „sonstiger pastoraler Mitarbeiter“. Als ich 2013 aus der Freiberuflichkeit kommend als kirchlicher Organisationsberater ins System Kirche einstieg, wollte ich mich erstmal einfinden, einfügen und dazu gehören. So habe ich versucht, die für mich fremde Unternehmenskultur zu verstehen, mich darin zu bewegen und mich bestmöglich anzupassen. Und so ließ ich mich prägen. Erst nach einer Zeit des Hineinfindes, durch meine Beraterausbildung und ökumenische Kontakte lernte ich das „gift of not fitting in“ als Ressource kennen und versuche nun, dies für die Organisation zu nutzen.

Ich möchte mich weiterhin stark dafür einsetzen, in „meiner“ Kirche gleichwürdige Beziehungen zu stärken. Es spricht mir aus dem Herzen, wenn Jan-Christoph Horn in unserer intensiven redaktionellen Diskussion um diesen Artikel formuliert: „In der evangelischen Ekklesiologie aber auch in den katholischen Orden findet sich diese Lösung: Die funktionale Differenzierung zwischen “oben/unten” (um es mal so zu nehmen) als systemstabilisierendes Prinzip ist immer an ein Amt, nicht an eine Person gekoppelt: Solange jemand Pfarrer oder Bischof ist, ist er ‚geweiht‘. Die Weihe ist Ausdruck des Dienstes, nicht Wesensmerkmal der Person. Jemand ist FÜR, nicht ALS geweiht. Theologisch eine saubere Sache: Denn das Unterpfand der Heiligkeit und des Priestertums Christi wird – siehe LG 10ff – mit der Taufe verliehen.“

In diesem Sinne möchte ich das System weiterhin irritieren, indem ich diese konstruierte Wirklichkeit der „Ungleichwürdigkeit“ nicht mehr mitspiele. Und ich möchte immer wieder einbringen, dass alle Christ*innen für die „Heilsproduktion“ zuständig sind. Und so sehe ich mich als „inoffizieller Klerikalismusbeobachter im Erzbistum Hamburg“ und werde die Augen offen halten. 😉


Hier noch ein paar Verweise auf Texte, die ich mit großem Gewinn gelesen habe:

Foto: Josh Applegate on unsplash.com