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Lessons learned? Ein kleiner Wahrnehmungsparcours durch interessante Zeiten

Posted in Zeitgeschehen

Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem wir zurückschauen und uns ärgern, dass wir Chancen verpasst haben, uns vorzubereiten. Während der Krise muss man sich vorwärts bewegen.

Melinda Gates

Parallel zur grundsätzlichen Perspektive darauf, die Corona-Krise als Systemereignis zu verstehen, entstanden inhaltliche Feldbeobachtungen zu einzelnen Themen, die auch meine persönliche Position zum Ausdruck bringen.

Diese hier nun ebenfalls zur Verfügung gestellten Betrachtungen sollen ermutigen, auf eigene Wahrnehmungen zu schauen, die eigenen Unterscheidungen zu beobachten, zu entscheiden, ob man diesen Unterscheidungen weiter folgen will. Oder etwas anders machen, probieren, testen, erkunden, wagen möchte.

Unsere Entschiedenheiten in der einen und anderen Hinsicht sind ein kostbarer Schatz, den wir jedoch in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2. Kor 4,7).

Lesen Sie durch den Parcours von oben nach unten oder springen Sie zu den Aspekten, die für Sie relevant sind:

Sitzungskatholizismus
Liturgie
Persönliche Spiritualität und Christusbeziehung
Systemrelevanz
Theologie
Kirchenbild
Hauptamtlichenkirche
Seelsorger
Digitalisierung
Caritas

Sitzungskatholizismus

Die Ordnung der Dinge ist nicht so, wie wir sie uns vorstellen und wie wir sie gerne hätten. Was das genau ist und wo Gott da drin steckt, darüber müssen wir miteinander reden.

Bernd Hagencord SJ

Was wir brauchen: Verantwortete Normalität.

Armin Laschet

Wer vermisst die zumeist abendlichen Quälereien wirkungsloser Tagungsordnungen, unreifer Gremien und spaßbefreiter Arbeitsgruppen? Lehrt uns das was? Lassen wir es! Suchen wir stattdessen die produktiven, kreativen, communialen Gruppen.

Fahren wir den Sitzungskalender gaaanz langsam wieder hoch. Lassen wir jeden nachzuholenden oder neu anzusetzenden Termin durch den Corona-Virenscanner laufen: Habe ich den Termin wirklich vermisst? Was ist der produktive Gewinn?

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Liturgie

Das viele Streamen von Gottesdiensten ist mir nicht geheuer.

Heiner Wilmer

Wir fänden es wunderbar, wenn die Pfarrer, statt mit Zollstöcken die Kirchen zu vermessen, … Mut zusprächen.

Initiative Maria 2.0

Es wird offensichtlich, was sich unter normalen Umständen schon zeigt: In der einen Not wirbt man für Wort-Gottesdienst-Leitungen, in der anderen Not lädt man zu gestreamten bzw. distanziert gefeierten Eucharistiefeiern ein.

Eine deutsche Kirche, die über die vermeintliche Rückwärtsgewandheit von „Querida Amazonia“ enttäuscht ist, jedoch selber nur zu Eucharistiestreams und Abstandsgottesdiensten in der Lage ist, entblößt sich: Einsame Priestermänner und narzisstische Christusdarsteller feiern mit moderner Technik Privatmessen und lassen andere dabei zuschauen. Menschen mit Mundschutz und Sicherheitsabstand voreinander feiern eine auf Gemeinschaft ausgerichtete Liturgie. Das ist Entwürdigend, das ist eine Entmündigung. Nur wenige schaffen es, aus solchen Umständen etwas zu machen. Zum Beispiel etwas Unaufgeregtes.

Wer das Versammlungsverbot zu religiösen Zwecken mit einem Gottesdienstverbot gleichsetzt und darin die Religionsfreiheit eingeschränkt sieht, der sollte sich fragen, welcher Religion er da eigentlich folgt. Und wer Gottesdienste mit Baumärkten vergleicht, muss sich den Hinweis gefallen lassen: Baumärkte machen für viele Menschen mehr Sinn. Wenn kirchliche Stellen schreiben, es wäre ja schön, jetzt wieder in Gemeinschaft Gottesdienst zu feiern, frage ich mich: Wo wart ihr die ganze Zeit? Bischöfe und andere bedanken sich für kreative Angebote, an denen sie in der Regel selber nicht teilgenommen haben. Implizit sagen sie damit: Jetzt kommt alle mal schön wieder.

Es ist klar, dass es vor allem die Priester sind, die sich danach sehnen, wieder mit Menschen Gottesdienst zu feiern. Aber nur weil diese Menschen die Leitungsposten besetzen und das kulturelle Bild der (katholischen) Kirche prägen, hören wir viel davon. Gleichzeitig ist diese Sehnsucht echt und sie ist berechtigt und deswegen muss alles, was geht, dafür getan werden. Auch ich sage: Die Begegnung mit Jesus Christus in der liturgischen Eucharistiefeier fehlt mir. Es gibt also gute Gründe, Gottesdienste mit Schutzauflagen zu gestatten, so wie man ja auch wieder Frisörbesuche gestattet.

Das Gegenargument liegt auf einer anderen Ebene: Was fehlt, wenn die Eucharistie als unter den Auflagen nicht feierbar weiter zurückgehalten oder zumindest als nur eine Weise lebendiger Liturgie dargestellt wird? Müssten Priester dann in Kurzarbeit?

Wäre ich ein Fußballfan, ich fände Geisterspiele der Bundesliga komisch. Nach allen Regeln gültig, aber nicht echt. Es fehlt am Geist des Spiels. So mangelt es auch am Geist der Liturgie.

Es steht auf dem Spiel, dass die Eucharistie zu einem magischen Ritual und zur Erfüllungsgehilfin der Funktionslogik von Kirche verkommt. Falls der Gedanke dahinter steht, Gläubigen wieder Glaubenskontakte zu ermöglichen, so zeigt das einmal mehr die Ahnungslosigkeit vieler kirchlicher Führungskräfte, was unter Gläubigen schon längst in Gemeinschaft gelebt wird. Danksagung und Bitte, Verkündigung und Sendung lassen sich auch auf andere Weise feiern und erleben.

Es sind nicht nur die Priester, die den Gnadenstrom in den letzten Wochen hochgehalten haben, indem sie – auch gegen innere Fremdheitsgefühle – in leeren Kirchen zelebriert haben. Sondern auch Eltern, Studierende, Altenpflegende, Ordensgemeinschaften und, und, und. Getaufte, wie die Priester es auch sind, die gebetet, gefeiert und gesungen haben. Mit viel Kontakt, Nähe, Kreativität und authentischer Spiritualität. Gott suchen und finden in allen Dingen eben. Was mir fehlt, ist die Anerkennung dessen.

Die Effizienz und Durchschlagskraft, mit die der (katholische) kirchliche Apparat jetzt eine desinfizierte und distanzierte Eucharistiefeier als Speerspitze des Glaubenslebens ermöglicht und sich selbst dafür toll findet, beschämt. Die Eucharistie als auch mein Quellort steht nicht über der Sehnsucht der Eltern, die Erstkommunion des Kindes als Segensfest zu feiern, dem eucharistischen Hunger der alten Frau im Altenheim, dem Spaß der Kinder in Gruppenstunde und Ferienfreizeit (samt der Sozial- und Psychohygiene, die diese Dinge mit sich bringen), der Tafel etc. Wo ist bei diesen Dingen unsere Leidenschaft, unsere Organisationskompetenz, unsere Lösungsbereitschaft? Legen wir bitte mal kurz die Anordnungen zur Feier der Abstands-Liturgie und den Terminkalender von 2021 für x verschobene Erstkommunionfeiern zur Seite und fragen uns: Worauf müssen wir uns vorbereiten? Warten Familien jetzt auf die „Pfingstbox“? Ist die Eucharistie die einzige Sehnsucht der Priester?

Jesus hat nicht gesagt: Feiert Gottesdienste. Sondern er hat gesagt: Heilt die Kranken, tröstet, besucht … Und macht die Menschen zu Hörer*innen und Träger*innen meiner Botschaft. Er hat Brot und Wein denen zur Speise gegeben, die er stärken wollte, er hat sie mit denen geteilt, die er gesandt hat. Die Eucharistie als Sendungsort, nicht als Sendung.

Wenn Menschen in Umfragen sagen, sie hätten die Ostergottesdienste nicht vermißt, ist das kein Warnsignal, sondern ein Ausrufezeichen. Liturgiefähigkeit der Menschen entsteht nicht durch Eucharistie-Angebote, sondern indem eucharistische Räume um sie herum geöffnet und rituell eingefasst werden. Ich fühle mich in meiner Religionsfreiheit jedenfalls nicht eingeschränkt, weil ich andere Formen des gottesdienstlichen Lebens und des geistlichen Miteinanders entdecken und stärken darf. Ich bin dankbar um die Möglichkeiten dazu.

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Persönliche Spiritualität und Christusbeziehung

Sagt der Teufel: „Mit COVID-19, ist es mir gelungen, alle Kirchen zu schließen.“ – Antwortet Gott: „Im Gegenteil, ich habe in jedem Haus eine eröffnet.“

Es zeigt sich, was die Umwandlung des frühchristlichen intensiven Erwachsenenkatechumenats in eine im Mittelalter herrschaftliche Abhängigkeit vom Heilsstand und in der Neuzeit bürgerlich-familiäre Obhut des Christ-Werdens hervorbringt: den unmündigen Christen, der in seiner Hauskirche keine Form des gemeinschaftlichen Betens und der Bibellese kennt und ein Vater Unser betet, dessen Sinn er geistlich nicht durchdringt und der keine existentielle Erfahrung mit dem Evangelium hat. Karl Rahner wird gerne zitiert: „Der Christ von Morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Tja, aber wenn der Christ von Heute kein „Mystiker“ ist, wie kann er es morgen sein?

Eine Amtskirche, deren erste Aufmerksamkeit es ist, den Menschen von der Sonntagspflicht zu befreien und pastorale Hauptamtliche, die Versorgungspakete schnüren, legen den Fokus falsch. Und dies in einer Diaspora-Situation: die Christinnen und Christen leben in den Vierteln und Straßen verstreut. Es gibt kein katholisches Milieu mehr. Nur weil ich zweimal im Jahr mit meinen Kindern schwimmen fahre, bin ich noch lange kein Schwimmfan. So mag es auch denen gehen, die z.B. mal in einem Gottesdienst vorbeischauen. War grad dann, tat gut, danke. Das geschlossene Familienbild der Gemeinde, die Deckungsgleich mit der Kommune, ist Vergangenheit. Ein neues Bild von Gemeinde ist unabdingbar. Sympathisch finde ich Bildwelten wie „Station“ oder „Berghütte“, die die passagere Wirklichkeit einer milieudiversitären Postmoderne realistisch und pastoral realisierbar abbildet. „Gute Orte haben die Christen da.“

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Systemrelevanz

Willst Du die Zukunft von Pastoral sowohl identitär bestimmen wie präzise planen können, dann lass Dir von außen eine Frage vorlegen, die man auch anders beantworten kann als religiös.

Matthias Sellmann

„Die Kirche“ spürt in diesen Wochen verstärkt, dass sie da angekommen ist, was Soziologen seit 40 Jahren denken können und Gesellschaftsempiriker seit 20 Jahren feststellen: Kirche ist nicht mehr als ein funktionales Teilsystem der Gesellschaft, medial ein Bilderlieferant, institutionell eine Stütze des Staates – aber abhängig von diesem. Religion ist – mit Charles Taylor – zwar nicht vollends säkularisiert, aber stark individualisiert.

Die Kirche erwacht in den Seelen. Ist das nicht das, was wir für die Kirche wollten? Hanns Dieter Hüsch leicht verfremdet aufgreifend: „Endlich ist sie frei!“

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Theologie

Ich bin davon überzeugt, dass dieses „Galiläa von heute“, wohin man gehen soll, die Welt der Suchenden ist.

Tomas Halik

Die geistliche und theologische Herausforderung durch den Corona-Virus, seine Ursachen und seine Folgen, ist die des biblischen Hiob sehr ähnlich: Über den Glauben an den „lieben Gott“ hinauswachsen. Nicht, weil Gott so viel Gutes tut an ihn glauben, sondern trotz dem Schrecken der Welt eine positive Ausrichtung auf ihn bewahren. „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“, das ist angesichts der täglichen Nachrichtenbilder, nicht nur zu Corona-Zeiten, ein empörender Hohn. Gott erdrückt eher. Kann man zu einem abwesenden Gott eine Beziehung aufbauen?

Alfred Delps gern zitierte Aussage „Die Welt ist Gottes so voll“ kann nur so stehen bleiben, weil der Text weitergeht: „Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. … In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Das ist ein anspruchsvolles, geistliches Programm. Mehr erkämpft als geschenkt. Nicht nur wegen der Geschehnisse damals in Jerusalem sind die Kar- und Ostertage das Hochfest des christlichen Glaubens. Sondern weil sich die in die Erzählungen hineingeschriebene Dynamik an jedem von uns vollzieht, manchmal täglich.

Erstaunlich ist, dass sich die akademische Theologie so still verhält. Es werden vermutlich dicke Sammelbänder im Anschluss erscheinen, aber wo ist – abgesehen von einzelnen Beiträgen im kirchlichen Feuilleton – das Mitgehen der Sozialethiker, Fundamental- und Pastoraltheologen? Ist hinsichtlich der Situation in der Gesellschaft, den Familien, den Krankenhäusern, den Gemeinden, dem Religiös-numinösen in dieser Zeit nichts anzubieten?

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Kirchenbild

Zeigen wir einander doch das Beste in uns.

Frank-Walter Steinmeier

Kairos in crisis

Bukal Pastoral-Institut, Philippinen

Ich bin ein Fan des Slogans „Kirche in den Händen der Menschen“. Was der bedeutet, zeigt sich derzeit eindrucksvoll: Die Weise kirchlicher Organisation wird auf den Kopf gestellt, das Organigramm um 180 Grad gedreht. Denn die Fachleute in den Ordinariaten werden nicht verstärkt nach ihren Diensten gefragt – klar, die Leute vor Ort können ihre Probleme ja auch selber lösen. Die der Seelsorge bedürftigenden Menschen finden ihre Wege – vielfach an kirchlichen Angeboten und Portalen vorbei. Beides tut auch weh. Wer jetzt sagt „Dann müssen wir es besser machen“ oder „Wir müssen das doch alles vernetzen“ sei gebremst: Verwechseln wir nicht das Netzwerk, das zwischen Energiepunkten Relationen schafft, mit dem Netz, das alles einsammeln will. Geben wir stattdessen denen, für die wir mit Herz und Verstand, Expertise und Professionalität da sein wollen, die Leitung über uns. „Was soll ich dir tun?“ Und wenn die Antwort lautet: „Grad gar nichts“, dann ist das eine Weise der Emanzipation, die richtig ist.

Die territoriale Gemeindepastoral als Leitmotiv von Kirche kommt an ein Ende. Corona wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Die Grunddienste der Kirche zeigen sich neu geordnet: Liturgie und Spiritualität wirken identitätsstiftend nach innen; Caritas und Ritenpastoral als „Produkte“ nach außen, die Gemeinschaft ist Kommunikator, Transporteur und, wo nötig, Administrator. Ein sehr biblisches Bild von Kirche. Lösungen für einen kontextsensitiven Organisationsaufbau dessen sind gefragt.

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Hauptamtlichenkirche

Ihr habt gesehen und doch glaubt ihr nicht.

Johannes-Evangelium 6,36

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewißheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben.

Papst Franziskus

Systeme kreisen um sich selbst. Durch Corona wird deutlicher, was für ein System die organisierte Kirche ist: eine Hauptamtlichenkirche. Konstrukte und Muster richten sich stark nach deren Logiken, Themen, Bedürfnissen, ihrer Sprache und ihrem Terminkalender. Aber Kirche ist nicht für die Sorgen und Nöte der Amtsträger und Hauptamtlichen, sondern für die Sorgen und Nöte der Menschen gesandt. Zwar sind auch Amtsträger und Hauptamtliche Menschen, aber das verstärkt die Versuchung, sich nur im Binnenraum zu bewegen. Alles so eng hier.

Ein Unterschied wäre, dass sich Hauptamtliche (und die quasi-hauptamtlich Engagierten) sagen: Ich mache nur noch Veranstaltungen, an denen ich selber Lust habe, teilzunehmen. Hören wir auf, Veranstaltungen für andere zu machen. Das verändert Gemeinde, weil dann weniger stattfinden wird. Aber in diesen Veranstaltungen fragt man nicht mehr „Wo sind die anderen?“

So entsteht Gemeinde. Gemeinde, die sagt „Wir sind Kirche“ und nicht „Nur mit diesen und jenen wären wir Kirche“. Eine Pfarrei besteht dann aus einer Vielzahl von unterschiedlichen, eher kleineren Gemeinden – nicht nur territorial oder kategorial, sondern auch geistlich. Wie bei einem Sportverein kann es doch sich im Zusammenspiel gegenseitig ausschließende Spielarten geben – wie Hand- und Fußball –, solange man sich darüber verständigt, dass beides Sport ist. Katholizität bedeutet Einheit der Vielen, nicht die Einheitlichkeit aller. Und die Einheit muss immer wieder angesehen, besprochen, neu ausgelotet und verabredet sein. Das ist für mich Hauptdienst der Hauptamtlichen, zu dem sie pontifikal – vom Brückenbauer – beauftragt werden.

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Seelsorger

Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt. Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.

Aldous Huxley

Auch die Frage nach Seelsorger*innen ist keine Corona-bedingte, sie zeigt sich nur deutlicher. Es fängt schon damit an, das wir bei „Seelsorger*innen“ in der Regel immer an Hauptamtliche, also bezahlte Professionals, denken. Was für eine machtvolle Unterscheidung! Diese Unterscheidung hat weder eine geistliche noch eine ekklesiologische Qualität. Einzig, die hauptamtlichen Seelsorger*innen als Prototypen zu verstehen, ist für mich darstellbar, führt sie die Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, die Priester und Laien, die Männer und Frauen aus dem „Gegenüber“ heraus, welches mit der Freiheits- und Gleichheitsdiktion des Paulus nicht vereinbar wäre.

Prototypen wofür aber? Sicher nicht für pastoralen Aktionismus, für die Selbstaufgabe, das Mit-Gekreuzigt-Sein, auch nicht für die bewusste Abstinenz in klagevoller Zeit. Auch Hauptamtliche sind Jüngerinnen und Jünger. Im Bild der Emmaus-Erzählung nicht der hinzukommende Jesus-like-Deuter, sondern eine*r der beiden, die da unterwegs sind. Eine*r, die nach Jesus ruft, anstatt ihn auszulegen. Professionalisierte Türe-Klopfer.

Hauptamtliche Seelsorger*innen sind keine Funktionäre, noch sind sie im Maschinenraum verschwundene Arbeiterbienen. Das wäre ein Zerrbild von Seelsorge. So möchte niemand Seelsorger*in werden. Es sollte Seelsorgenden darum gehen, Menschen zu stärken, ihnen ihre Kleingläubigkeit vorzuhalten, wenn jemand sagt „Das wird alles nichts“.

Hauptamtliche Seelsorger*innen sollten die Charismen anderer Seelsorger*innen, Apostel und Leiter segnen, ihre Sendung darin sehen, anderen ihre Sendung zu ermöglichen. Sie sollten die besuchen, die andere besuchen. Sie sollten die stärken, die andere stark machen. In der Tat, das verändert den Kompetenzkanon: Statt Liturgie- und Katecheseprofis brauchen wir Befähiger*innen, Lebendig-Macher*innen, Begleiter*innen, resonante Menschen. Hauptamtliche sind reife, authentische und ehrliche Persönlichkeiten. Solche Leute haben grad auch keine Langeweile.

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Digitalisierung

Wenn die Krise eintritt, dann hängen die Reaktionen darauf von den Ideen ab, die verfügbar sind.

Milton Friedman

Wie hätte die Arbeit in einem Corona-Shutdown des Jahres 1990 ausgesehen? Ohne Smartphone, WLAN, Videotelefonie? Wir erleben einen Digitalisierungsschub: Großeltern skypen mit ihren Enkeln, Senioren streamen Gottesdienste, Fernsehen-on-demand erreicht auch die letzten VHS-Kassetten-Junkies. Und erst recht in Arbeitsbezügen: Arbeitsgruppen und kollegiale Kontakte sind unabhängig geworden von örtlicher Entfernung. Anstatt eine E-Mail zu schreiben wird mal eben über die Kamera kommuniziert. Und das Team-Panel steht agil online und nicht als Flipchart im Raum. Die produktiven, funktionalen und ästhetischen Tools setzen sich durch, weil sie niedrigschwellig zu erreichen sind – Datenschutz und institutionelle Vorgaben hin oder her.

Diese Dinge werden die neue Normalität des Arbeitsalltags prägen und damit Auswirkungen auf Standards in der Organisation haben. Insbesondere modern-bürokratischen Organisationen wie der Kirche gerät dies vermutlich zu einem Aggiornamento und damit zu ihrem Vorteil. Gleichwohl ist dieser Entwicklungsschub auch ein Stresstest: Kommen die organisationalen Verfügungen hinterher? Kommen alle mit? Geht es um die Sendung der Kirche oder um technische Spielerei?

Was die inhaltlichen kirchlichen Angebote betrifft, muss man konsternieren: Wir machen unsere Angebote zwar jetzt digital, digitale Angebote sind es aber eher nicht. Und während wir für eine Übertragung der zeichenhaften Liturgie im Zeichenmedium Fernsehen/Videostream ganz gut gerüstet waren, haben wir im Bereich der gemeindlichen digitalen Sitzungskultur und der digitalen Inhaltsvermittlung z.B. in der Katechese noch technischen, methodischen und didaktischen Nachholbedarf.

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Caritas

Die Zuwendung zum Nächsten IST höchste Form des Gottesdienstes.

Alois Halbmayr

Im Gegensatz zum budget- und damit profitorientierten Krankenhaussektor sind Alten- und Pflegeheime, Wohngruppen und betreuenden Dienste vielfach noch in kirchlicher Trägerschaft. An Alten und Schwachen verdient man halt nichts, weil sich keine Steigerung von irgendetwas erwirtschaften lässt, die man dann zu Kapital machen könnte. Der gesellschaftliche Konsens trägt, dass die Beschränkungen des individuellen, öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens stark dem Schutz dieser Menschen dient. Die Mehrheit dient der Minderheit. Pflegerinnen und Pfleger sind systemrelevante Personen – das ist ja mal ein Ding. In Ländern wie den USA und Italien sind die Alten, betreut Wohnenden, Obdachlosen u.ä. dagegen deutlich weniger beschützt und die Corona-Todesrate auch deswegen signifikant höher.

Die institutionalisierte und wohlfahrtsstaatlich eingebundene Caritas, immer wieder als das Eigentliche der Kirche benannt, aber als Klotz am Bein einer sakral-ätherischen Kirche verbannt, zeigt in dieser Situation ihre Würde und eine ethische Exzellenz. Hier setzt der deutliche Appell an: Lasst uns von der Diakonie Kirche-Sein lernen.

Toll wäre es auch, wenn Gemeinden die nichtkirchlichen Sozialeinrichtungen auf dem Gebiet der Pfarrei entdecken würden. Gemeinde, die aus sich raus geht, kommt bei den Menschen an.

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Schluss

Entscheidungen sind auf vielfältige Weise von Unsicherheit, dilemmatischen Voraussetzungen und nicht zuletzt von Zielkonflikten geprägt. Sie sind schon deshalb mit Unsicherheiten behaftet, weil sie stets vor dem Hintergrund alternativer Optionen getroffen werden.

Nationale Akademie der Wissenschaften

Am Ende dieses Wahrnehmungsparcours stellt sich die Frage, welche Punkte bleiben sollen:

  • Im individuellen Raum,
  • im zwischenmenschlichen Raum,
  • im strukturellen Raum,
  • im operativen Raum.

Jede und jeder kennt die eigenen Antworten schon, weil die Frage ja nicht neu gestellt wird. Vielleicht lassen wir jetzt zu, mehr über die Alternativen nachzudenken.

Ja, ich habe es nicht in der Hand. Aber ich kann mich trotzdem immer wieder neu dafür entscheiden.

Beitragsbild: Pixabay